FREYA HÄBERLEIN

AUSZEIT – Eine Ausstellung über Entschleunigung

By 16. Juli 2015 TEXT

Schreibt man seine Abschlussprüfungen, lebt man wie mit Scheuklappen. Und so wäre auch beinahe diese wunderbare Ausstellung im Hannoveraner Sprengel Museum spurlos an mir vorbeigegangen, hätte ich sie nicht noch ein paar Wochen vor Beendung bemerkt. 

Zeit spielt in unserer heutigen Gesellschaft eine große Rolle. Beinahe In Time-mäßig ist sie zu einem wichtigen Indikator unseres Wohlstandes geworden. Wir sehnen uns nach dem schönen Laissez-Faire, dem süßen Nichtstun, den Bilderbuch-Sonntagen. Es ist daher nicht ungewöhnlich, dass diese Szenen von Künstlern romantisiert dargestellt werden. Zeit zum Rumliegen war schon seit jeher ein Luxus.

011_auszeit_laurens

Henri Laurens Femme endormie 1951 Bleistift und Aquarell, laviert auf Papier auf Pappe 20,4 x 32,8 cm (Blattmaß), 31,7 x 47,9 cm (Unterlagenmaß) Sprengel Museum Hannover, Schenkung Sammlung Sprengel (1969) Foto: Sprengel Museum Hannover © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Um die Gedanken auf die Schönheit der anspruchslosen Beschäftigung zu lenken, läuft die Ausstellung seit dem 29. April im Sprengel Museum zu Ehren der Auszeit. Unter dem Titel Auszeit. Vom Faulenzen und Nichtstun werden noch bis zum 30. August 120 Werke zeitgenössischer Künstler aus unterschiedlichen Medien ausgestellt, die sich mit dem Thema der freien Zeit beschäftigen. Gezeigt werden beispielsweise auch die schlafenden und gähnenden Gestalten von Künstlern wie Ernst Barlach, Pablo Picasso und Max Beckmann sowie die Müßiggänger von Boris Mikhailov bis Ernst Ludwig Kirchner in den Grafikräumen des Sprengel Museums Hannover. Dabei wird eine thematische Unterteilung in die vier Freizeitverwendungen vorgenommen, die der Soziologe Rolf Meyersohn 1972 modellhaft zusammenfasste:

1. Ruhe und Wiederherstellung der Kräfte (Schlafen, Liegen, Genesen)

2. Unterhaltung, Zerstreuung und Vergnügen (geselliges Beisammensein, Urlaub machen)

3. Selbstverwirklichung (z.B. durch das künstlerische Tun)

4. Erbauung (Müßiggang, Schlendern, Spazieren)

005_auszeit_fischer

Arno Fischer Berlin Ost 1957 1957 Silbergelatine 27,6 x 42 cm (Bildmaß), 36,6 x 47,9 cm (Blattmaß) Sprengel Museum Hannover, Schenkung Schnakenwinkel Foto: Sprengel Museum Hannover Fotograf: Herling/Gwose/Werner, Sprengel Museum Hannover © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Teilweise wird der Müßiggang auch gegenwärtig in den Fokus genommen und, mehr noch, als unabkömmliche Voraussetzung für das Kunstschaffen angesehen. Für den tschechischen Künstler Pavel Büchler stellte das Pausieren als Ausdruck des Müßiggangs den Inhalt einer kontinuierlich wachsenden Werkserie dar , in welcher er sich selbst und seine Begleiter, Freunde, Besucher während der Raucherpausen fotografiert. Für die Ausstellung fasste er in Work (All the cigarette breaks, 2007-2014) den bisherigen Fundus von rund 1.400 Fotografien zu einer digitalen Diashow zusammen und zeigt dabei jedes Foto einer kurzen Raucherpause entsprechend vier Minuten lang.

Dieses und viele andere Projekte können noch etwa anderthalb Monate bestaunt werden, und sind auf jeden Fall einen Besuch wert!

013_auszeit_picasso

Pablo Picasso Femme assise et dormeuse Paris, 11.5.1947 Zinkografie auf Velin d‘Arches 49 x 62 cm (Bildmaß), 50 x 65,5 cm (Blattmaß) Sprengel Museum Hannover, Schenkung Sammlung Sprengel (1969) Foto: Sprengel Museum Hannover Fotograf: Herling/Gwose/Werner, Sprengel Museum Hannover © VG Bild-Kunst, Bonn 2015